St. Andreas Kirchengemeinde Ashausen

Predigten


Predigten die nicht gehalten werden konnten.

Predigt zum Sonntag Jubilate am 3. Mai 2020

(ausgefallen wg. Corona-Pandemie)
Prädikant Michael Brecklinghaus

Liebe Gemeinde!

"Warum ich Gott so selten lobe", diesem Thema geht Dorothee Sölle, Theologin, Poetin, Schriftstellerin, in einem ihrer Texte nach.

Heute, am Sonntag Jubilate, der uns einlädt, ja, ganz direkt auffordert: "Jubelt! Jauchzt!", heute werden wir daran erinnert, dass Freude, Jubel, Lob wesentlich zu unserem Glauben gehören.

Auch durch die biblischen Worte, die wir eben gehört haben: das Loblied auf Gottes Schöpfung, auf Gott, der alles gut gemacht hat, damit wir leben können.

"Jubilate! Jubelt! Jauchzt!" Tun wir's denn? Jubeln wir? Jauchzen wir? Oder ist uns dieser Überschwang nicht eher befremdlich? Liegt es uns nicht doch näher, unser Leben und unsere Welt "realistisch" zu sehen, wie wir es nennen, und den Ärger mit der Partnerin oder dem Partner,
den Stress mit der Schule, ja auch die Trauer über den Verlust eines Menschen,
die Sorge um die Zukunft unserer Welt zu empfinden?
Und dann ausgerechnet in diesen, vom Virus beherrschten Zeiten!
"Warum ich Gott so selten lobe.",
fragt Dorothee Sölle und gibt dafür Gründe an.
Hören wir, was sie schreibt:

"Montag war er stumm, also war ich blind.
Am Abend torkelte eine Wolke vorbei mit goldenem Rand,
aber ich schickte sie weg, den Kopfhörer auf für die Melodie dieser Welt."

Das ist nachvollziehbar. Da sind andere Dinge immer wichtiger als so eine Wolke mit goldenem Rand.
Vielleicht sehe ich sie ja, und für einen kurzen Moment rührt mich dieser Anblick an. Eine Ahnung erfasst mich: Ja, das Leben ist eigentlich wunderbar. Aber dann sind andere Dinge wichtiger.
Ein Telefonanruf ist zu machen, ein Termin muss eingehalten werden, das Essen gekocht, die Kinder beschäftigt, der Wagen zur Reparatur gebracht werden - oder noch Dringlicheres: Ein Familienangehöriger ist ernsthaft erkrankt, ich darf ihn nicht besuchen ...usw.

Die "Melodie dieser Welt" ist einfach lauter als das leise Vorbeiziehen einer Wolke am Abendhimmel.
Schnell bin ich wieder bei diesen anderen Dingen, die meine Aufmerksamkeit und meine Kraft fordern.
Aber immer wieder meldet sich diese andere Stimme. Sie will uns an etwas erinnern, das wir vergessen könnten:

Warum,“ so fragt Rumi, ein islamischer Mystiker, „Warum, wenn Gottes Welt doch so groß ist, bist du ausgerechnet in einem Gefängnis eingeschlafen? Warum bewohnst du nur einen Teil des Lebens, begibst dich in die Enge eines kleinen, verschlossenen Raumes, begnügst dich mit der Selbstbeschränkung, enthältst dir die Weite und Freiheit der Welt vor, die Gott geschaffen hat?
Warum machst du die Augen zu, wo du doch die Schönheit dieser Welt sehen könntest? Warum verschläfst du in all deinen Sorgen und Aktivitäten so vieles, was auch zum Leben gehört, vor allem das Staunen und die jubelnde Freude? Warum lässt du dich einsperren
?“

Diese Frage ist weniger ein Vorwurf, als eine eindringliche Erinnerung an das, was wir manchmal selbst ahnen: dass etwas verloren gehen könnte, wenn wir nur auf die Melodie dieser Welt, nur auf die lauten Stimmen in unserem Leben hören.

Die Sorgen sind da, die Aufgaben warten, die Probleme brennen. Aber, sehen Sie sich um, gerade jetzt im Frühling.

Schauen wir einmal auf den Text, den Sie heute in der Lesung gehört haben: die Schöpfungsgeschichte im 1. Buch Mose.

Woher kommt die Kraft für all das? Woher die Zuversicht, dass es sich lohnt? Woher der lange Atem, der Mut, die Hoffnung?

Die Geschichte lebt von der Bildsprache des Schöpfungslobs. Die Scheidung von Finsternis und Licht ist das erste von Gottes Schöpfungswerken, die auf die Erschaffung des Menschen zulaufen.
Auf dem Hintergrund der großen Hoffnungsgeschichte am Anfang der Bibel erschließt sich uns die große Geschichte Gottes mit dem Menschen, ihr Hoffnungsgehalt. Am Anfang war Finsternis. Gott erschafft das Licht als erstes Geschöpf durch sein kreatives Wort:
"Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht." Gott verbannt die Finsternis nicht. Er gibt ihr ihren Platz. Er begrenzt sie durch sein Licht.
Der Wechsel von Nacht und Tag und Nacht geht auf Gottes Willen zurück, das Dunkel in die Schranken zu verweisen.

Hier ist einer am Werk, der das Leben für den Menschen will; nicht seinen Tod, nicht sein Verderben, nicht seine Unfreiheit.

Das Licht der Schöpfung Gottes als goldenen Rand einer Wolke sehen, die an einem Montag an uns vorbeitorkelt. Das Leben, das Gott für uns bereitet hat, nicht versäumen - daran erinnert uns dieser Sonntag "Jubilate".

Daran erinnert uns das Schöpfungslob des Anfangs. Daran erinnern uns auch unsere Mütter und Väter, all unsere Vorfahren im Glauben: "Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde" - diese Worte habe ich mit meiner Mutter damals gelernt, nicht nur, damit ich sie nachsprechen kann, sondern um sie nachzuleben: in unserem Staunen, das ins Loben mündet.

Daraus folgert Dorothee Sölle und schreibt weiter:
"Jetzt habe ich mir vorgenommen, jeden Tag drei Sachen zum Loben zu finden.
Das ist eine geistlich-politische Übung von hohem Gebrauchswert. Sie verbindet mich mit den Müttern und Vätern des Glaubens...
Sie lehren mich sehen, auszumachen, was alles sehr gut ist."

Von diesem Sehen, was alles sehr gut ist, geht eine Kraft aus, die uns helfen kann, das zu werden, was wir sein sollen:
Gottes lebendige Geschöpfe.
Jeden Tag drei Dinge zum Loben finden - zum Jauchzen und zum Jubilieren - und damit den Sonntag in den Alltag hineinholen - das wünsche ich Ihnen von Herzen.

Amen.

Gedanken in den Wochen nach Ostern


Gedanken in den Wochen nach Ostern

Wir leben in einer Zwischenzeit, von der wir nicht wissen,
wie lange sie noch dauert. Und wir ahnen, dass es auch später
nicht so sein wird wie es vorher war.
Ich höre von sehr beglückenden Erfahrungen aber auch von großem
Stress. Geschwister spielen miteinander viel besser als sonst,
aber Homeschooling und Homeoffice vertragen sich schlecht.

Eine Freundin erzählte mir, dass auf ihrem Esstisch ein Zettel liegt mit
zwei Spalten: Was schön ist und was blöd ist in der Corona-Zeit!
Jedes Familienmitglied kann nach Lust und Laune etwas dazu schreiben.
Ich hoffe, auch Sie könnten auf so einem Zettel Schönes notieren.

Ich selbst freue mich darüber, dass der ungewohnte Alltag mir neuen
Zugang zu den alten Geschichten der Bibel beschert, so auch zu der
von Jesu Freunden, die nach seinem Tod aus Jerusalem zurück an den
See Genezareth gingen.

Dort kannten sie sich aus und sie gingen fischen, so wie früher.
Doch die Netze blieben leer und die Mägen auch. Bis ein scheinbar
Unbekannter am Ufer des Sees auftaucht, der sie auffordert, das Netz
noch einmal auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen.

Da ist es voll und sie erkennen, dass es Jesus war, der ihnen diesen
Auftrag gegeben hatte. Dass sie ihn erst nach ihrem erfolgreichen
Fang erkannt haben, zeigt, dass er in einer anderen Gestalt erschienen ist als zuvor.
Nach Ostern hat sich alles verändert und sie sind in eine Zwischenzeit eingetreten,
von der sie noch nicht wissen können, wie lange diese dauert.

Dieser Erfahrung der Zwischenzeit fühle ich mich nah.
Das, was ich sonst im Netz meines Tages finde, fehlt: 
Gottesdienste, Besuche, Unterricht, Gruppen... 
Und der Ratlosigkeit zu Beginn der Corona-Krise folgte die
Aufforderung, die in der Geschichte Jesus ausspricht: 
"Wirf dein Netz auf der anderen Seite aus". 
Mach es anders als bisher. Überleg neu, wie du deine Arbeit tun
kannst und schau genau hin, was dir in diesen Tagen geschenkt wird
und was dich nährt. Und da gibt es einiges.

Ich hoffe, auch Sie finden ausreichend Nahrung - nicht nur im Supermarkt,
sondern auch beglückende Erfahrungen, die dem Stress,
den die Situation bedeutet, etwas entgegen setzen.
An manchen Tagen mehr, an anderen weniger.

Werfen Sie das Netz immer mal wieder auf der anderen Seite aus,
um gut durch diese Zeit zu kommen und Dinge zu entdecken,
die auf einen Zettel "was schön ist" notiert werden könnten.

Die österliche Zwischenzeit endete mit dem Pfingstfest
und der Zusage von Gottes Geist und Kraft. 

Diese wünsche ich auch Ihnen.
Ihre Pastorin Anja Kleinschmidt

Pastor Dr. Christian Bendrath, Meditation zum 19.4.2020

Der Predigttext für den Sonntag „Quasimodogeniti“,
zu deutsch: „wie neugeborene Kinder“, abgeleitet aus dem Antiphon 1. Petr. 2,2 zum Introitus (Eingangspsalm),
oder volkstümlich der sog. „Weißen Sonntag“,
ist die alttestamentliche Lesung aus Jes 40, 26 – 31:

26) Hebt eure Augen in die Höhe und seht!
Wer hat all dies geschaffen?
Er führt ihr Heer vollzählig heraus
und ruft sie alle mit Namen;
seine Macht und starke Kraft ist so groß,
dass nicht eins von ihnen fehlt.

27) Warum sprichst du denn, Jakob,
und du, Israel, sagst:
»Mein Weg ist dem Herrn verborgen,
und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?

28) Weißt du nicht?
Hast du nicht gehört?
Der Herr, der ewige Gott,
der die Enden der Erde geschaffen hat,
wird nicht müde noch matt,
sein Verstand ist unausforschlich.

29) Er gibt dem Müden Kraft
und Stärke genug dem Unvermögenden.

30) Jünglinge werden müde und matt,
und Männer straucheln und fallen;

31) aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft,
dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden.


Meditation zum Predigttext

Am Sonntag nach Ostern wird katholischerseits traditionell die Erstkommunion der Kinder im Grundschulalter gefeiert. Schöne weiße Kleider tragen vor allem die kleinen Mädchen. Sie sollen an die weißen Taufgewänder der frühen Christenheit erinnern. Zu jener uns heute fernen Anfangszeit des Christentums stiegen diejenigen, die sich von den vielen Religionen und Weltanschauungen im römischen Weltreich zum Christusbekenntnis bekehrt hatten, nackt ins Bad der Taufe und wurden mit einem weißen Taufgewand überkleidet, wenn sie aus dem Taufbecken wieder herauskamen, als ob sie „neugeborene Kinder“ waren. Das weiße Taufgewand wurde dann bis zum „weißen Sonntag“, dem zweiten Sonntag der Osterzeit, getragen und jetzt erst, nach einer ersten Abendmahlsfeier im Kreise der anderen Gemeindeglieder, wieder mit Alltagskleidung getauscht. Geblieben sind katholischerseits von diesem Brauchtum die mitunter prächtigen weißen Kleidchen der weiblichen Erstkommunikantinnen.

Wieder neu anfangen zu können „wie neugeborene Kinder“, das wünschen wir Menschen uns immer wieder in unserem Leben, wenn wir an einer nicht ganz unwichtigen Weggabelung falsch abgebogen sind und reuevoll uns diesen Fehler nun wohl oder übel eingestehen müssen. Oft wissen wir nicht, wie wir den Schaden wieder gut machen können. Daher die große, aber unerfüllte und hoffentlich nicht ganz unerfüllbare Sehnsucht, noch einmal völlig neu anfangen zu können.

Den ersehnten Neuanfang machen wir uns oftmals unnötig schwer, weil wir meinen, „Wunder weiß was“ ändern zu müssen. Eine einfache Bitte um Entschuldigung mit dem offenen Eingeständnis des Fehlers ist in 95% der Fälle völlig ausreichend und öffnet die verschlossenen Türen, die man oder frau in der Enttäuschung oder im Streit vor unserer Nase zugeschlagen hatte. Doch wie schwer ist es, vom hohen Ross der eigenen Unfehlbarkeit herabzusteigen und frei und offen zu bekennen: „Ich war es, der falsch gelegen hat! Es tut mir Leid!“

Die Täuflinge der ersten Christenheit haben freilich mehr in ihrem Leben zu ändern gehabt, als sie sich taufen ließen. Sie haben tatsächlich ihr ganzes Leben umgekrempelt, denn plötzlich gehörten sie nicht mehr zum ideologischen Mainstream des alten Römerreiches, in dem jede und jeder in welcher Religion und Weltanschauung auch immer nach seiner oder ihrer Façon selig werden konnte. Sie hatten sich eindeutig entschieden für die Nachfolge Christi, für ein Leben nach dem Vorbild dieses Jesus von Nazareth, das die vier Evangelisten der biblischen Überlieferung jedem und jeder, der und die es lesen, so plastisch vor Augen malen, dass man oder frau zur Nachahmung angeregt werden. Eine „Schauspiellehre durch Geschichte“ hat Johann Caspar Lavater, ein enger Freund Goethes, die Evangelien deshalb mal genannt.

Von daher könnte man fast meinen, der weiße Sonntag habe vor allem Lebensänderungen im Blick, die kleine (aber gar nicht so leichte) Umkehr des reuigen Sünders in Beichte und Buße oder gar die große Bekehrung zum christenmenschlichen Leben aus ganz anderen religiösen oder weltanschaulichen Prägungen. Das wären dann entweder ein Buß- und Bettag oder ein erster Abendmahlssonntag eine Woche nach Ostern, die Erstkommunion im gemeinsamen Gottesdienst der zu Ostern neu getauften mit den längst schon zur Kirche Jesu Christi zugehörigen Gemeindeglieder.

Wir fragen uns angesichts geschlossener Kirchen und der auch den religiösen Menschen geltenden Versammlungsverbote, die die zügellose Ausbreitung des Coronavirus Covid-19 eindämmen sollen, geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Was kann uns dieser weiße Sonntag hier und heute bringen? Denn die Sehnsucht, endlich wieder sorglos wie neugeborene Kinder natürlich miteinander umgehen zu können, die ist inzwischen doch übergroß.

Man mag es ja kaum noch hören, was alles durch dieses winzig kleine Virus sich geändert hat. Das sind Änderungen, die man nicht mit dem Weiß von Taufgewändern oder Festtagskleidung verbindet, sondern mit dem Schwarz der Existenzangst und Trauerfeier. „Wie soll das bloß alles weitergehen?“, fragen wir uns unwillkürlich. Und gegen jeden Augenschein immer noch hoffen zu können, dass es uns wieder mal so richtig gut gehen wird, das hängt sehr stark davon ab, wie groß unsere Sorgen um Lohnfortzahlung, Einkommen, drohende Pleite und Geschäftsaufgabe oder gar die ganz elementare gesundheitliche Sorge ums nackte Überleben inzwischen geworden sind. Was bietet der Sonntag für uns, die wir heute um Glaubensmut ringen, weil die Sorgen und Nöte dieser vermaledeiten Seuche uns die Glaubenskraft rauben?

Der Predigttext spricht in eine Situation, in der das Volk Israel auf das Ende des großen babylonischen Exils wartet, die Befreiung aus den Klauen des neubabylonischen Großreiches aber noch kaum erahnen kann. Die Israeliten damals hatten auch Angst, wie das wohl weitergehen sollte mit ihnen als Sklaven unter den fremden Herren dort im fernen Bagdad. Die hatten auch eine große Sehnsucht nach einem weitgehend unbeschwerten Leben in ihrer Heimat rings um Jerusalem, wo man und frau nur behaglich seufzend ausrufen: „Wie im tiefsten Frieden!“ Gegenwärtig erscheint ihnen das nur als „wishful thinking“. Sie verharren in einem trostlosen Realismus, sind ohne Hoffnung auf Besserung ihrer Lage, schieben den Gedanken an Befreiung weit von sich.

Der Prophet Deutero-Jesaja, der zweite oder andere Prophet aus der Schule des Jesaja, hatte seine liebe Not gegen die Sorge und Not, gegen die Existenz- und Überlebensangst und auch gegen die Larmoyanz, das Klagen, Stöhnen und Meckern anzugehen, um das Volk für die baldige Rückkehr in die Heimat vorzubereiten. Daran mochte ja vorerst noch niemand glauben! Man war ja aufgeklärt, realistisch, gewohnt in einen Abgrund zu blicken. Wie fängt er es da an, seine nachgerade österliche Freudenbotschaft zu dieser Unzeit an den Mann und an die Frau zu bringen?Zunächst einmal ganz einfach so, indem er einen alten Schöpfungshymnus zitiert. Auf unsere heutige Zeit bezogen, würde man den ersten Vers so interpretieren: Der zweite Jesaja erinnert seine Hörer und Leser an das Kinderabendlied „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?“ Lesen Sie einfach einmal oben im Vers 26 nach! Na, das klingt doch wie:

Weißt du, wie viel Sternlein stehen
An dem blauen Himmelszelt
Weißt du, wie viel Wolken gehen
Weit hinüber alle Welt
Gott, der Herr, hat sie gezählet,
Dass ihm auch nicht eines fehlet
An der ganzen großen Zahl
An der ganzen großen Zahl

Die Wende zum Guten wird derjenige heraufführen, der Abend für Abend das Sternenzelt heraufführt, unter dem wir uns zur Ruhe betten können, um am neuen Tag wieder bei Kräften sein zu können. Das ist doch schon einmal ein beruhigender Einstieg. Das macht die Zuhörer doch schon mal geneigt, eine österliche und insofern auch frühlingshafte Freudenbotschaft in trauriger Zeit zu hören. Das Schwarz wird aus der Stimmung der Zuhörerinnen und Zuhörer, der Leserinnen und Leser merklich zurückgedrängt. Stimmt doch! Es gibt ja tatsächlich einen, der das Himmelszelt regiert, zu dem wir manchmal seufzend, manchmal bewundernd die Augen aufheben, manchmal anklagend und flehend, manchmal dankbar und gelassen.

Da können wir noch so aufgeklärt sein: Das Sternenzelt ist immer über uns Erdenbewohner gebreitet, auch wenn dieser Planet ja eigentlich im leeren Raum um eine ferne Sonne durch das Dunkel des Weltalls rast. Aber so empfinden wir eben nicht, wenn wir hier auf der Erde leben und die Augen gen Himmel erheben. Da sehen wir auf dem Boden stehend mit himmelwärts empor gerecktem Kopf das Sternenzelt, das der Schöpfer über den Nachthimmel ausbreitet, wenn die Wolken ihn uns so sehen lassen, wie eben gerade in diesem sonst so schönen Frühjahr.

Der Blick von uns Sorgenvollen, die auf die gegenwärtige Not und Sorge wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange starren, wird vom Predigttext gleich zu Anfang abgelenkt, himmelwärts gelenkt: „Kopf hoch! Schau doch mal, wie gegenwärtig trotz aller Not das Sternenmeer zauberhaft heraufzieht! Nun lass doch mal wenigstens für diesen Moment ab von deiner Not und deinen Sorgen!“ Und siehe da, nun lässt sich der Rest ganz anders hören oder lesen: „Ja, das könnte klappen. Nach und über aller Not und Sorge bleibt doch etwas, das Leben, das Weiterleben – hier oder dort!“ Es bedarf nur etwas Gottvertrauen; Vertrauen auf den, der die Welt im Wechsel von Tag und Nacht, der Jahreszeiten und des Wetters hält und erhält: „Auf Regen folgt bekanntlich Sonnenschein!“

Der Predigttext am Sonntag „Quasimodogeniti“ hält uns dazu an „wie neugeborene Kinder“ es trotz aller Not und Sorge, die uns gegenwärtig so runterziehen, mal wieder mit Naivität zu probieren, mit einer Zuversicht, die Kinder angesichts tröstlicher Kleinigkeiten noch ganz schnell und nachhaltig fassen können. Also „Kopf hoch!“, wenn die Sonne erstrahlt oder das Sternenzelt aufzieht. „Kopf hoch!“, ruft er uns zu, der Prophet. Mit einem Aufblick, der sich nicht mehr bannen lässt von Not und Sorge, wird das Kaninchen frei von der Schlange, die es in Angst und Schrecken versetzt hat. Neues Gottvertrauen entsteht just dann, wenn wir Sorge und Not einfach einmal Sorge und Not sein lassen und uns der Schönheit dieser frühlingshaften Welt zuwenden, die einfach nicht aufgehört hat für uns da zu sein. Das hat dies Virus nämlich nicht stoppen können, dass die Sonne des Tags erstrahlt und der Sternenhimmel des Nachts funkelt. So, ganz naiv mit neuem Gottvertrauen gestärkt, wird aus dem Kaninchen ein Adler, der auffliegt und alle Not und Sorge unter sich zurücklässt:

Er gibt dem Müden Kraft
und Stärke genug dem Unvermögenden.
Jünglinge werden müde und matt,
und Männer straucheln und fallen;
aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft,
dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Amen!

Videogottesdienst aus der St. Andreas Kirchengemeinde Ashausen für den 05. April 2020


Palmarum - 5. April 2020

Jesaja 50,4–9
Predigt von Michael Brecklinghaus

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns.

Liebe Gemeinde!

An diesem speziellen Sonntag: mein Gottesdienst musste ausfallen, vom Virus dominiertes Leben, habe ich den Text von Jesaja ausgewählt.

Unser Predigttext ist ein altes Lied aus der Geschichte Israels, aufgeschrieben bei Jesaja.Ab Kap. 40 werden bei Jesaja Worte eines unbekannten Propheten angehängt.Er lebte im 6. Jahrhundert vor Christus unter den Deportierten in Babylonien.

Der Prophet macht  Mut und verkündet den Anbruch einer neuen Zeit. Aber er erntet nur Misstrauen und Spott. Seine Worte passen nicht in die Zeit.

Israel ist aus seiner Heimat vertrieben und lebt im Exil in Babylon. Klein gemacht ist das einst stolze Volk.
Zermürbt und müde geht es durch die Tage; verborgen und unbegreiflich erscheintsein großer Gott.

Hören Sie, was bei Jesaja im 50. Kapitel steht:

Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.
Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger.
Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet.
Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.
Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen.
Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
Doch Gott, der Herr, wird mir helfen;
darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.
Er, der mich freispricht, ist nahe.
Wer wagt es, mit mir zu streiten?
Lasst uns zusammen vortreten!
Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit?
Er trete zu mir heran.
Seht her, Gott, der Herr, wird mir helfen.
Wer kann mich für schuldig erklären?
Seht: Sie alle zerfallen wie ein Gewand, das die Motten zerfressen.

Der unbekannte Prophet, der hier spricht, ist kein Egoist, der sich in den Mittelpunkt rückt. Sein Selbstbewusstsein leitet er aus der Verbindung zu Gott ab.
In unseren Sprachgebrauch übertragen heißt das:
„Ich kann mit den Müden reden, weil Gott mir dazu die Zunge gegeben hat.
Ich höre schon am Morgen, weil Gott mir das Ohr geöffnet hat.
Ich weiche nicht zurück, weil Gott mir hilft.
Ich werde nicht zuschanden, weil Gott mich gerecht spricht.“

Obwohl wir den Namen nicht kennen, tritt uns hier eine Persönlichkeit vor Augen, die weiß, was sie will, und dafür gerade steht.

Ein Mensch, der seinen Auftrag von Gott hat.
Der den Müden, den Resignierten freundlich begegnet, sie ermuntert und ermutigt.
Was wäre aus der Menschheit geworden, wenn es nicht immer wieder solche Persönlichkeiten gegeben hätte, die aus Liebe zu den Menschen und aus Gehorsam gegenüber Gott und seinen Geboten Widerstand geleistet haben.

Von manchen kennen wir den Namen, auch Menschen aus der Bibel, manchmal sind Straßen nach ihnen benannt, viele sind unbekannt geblieben.

Das heutige Evangelium (Markus 14, 3-9) erzählt von Maria Magdalena, die Jesus kurz vor seinem Leidensweg mit sehr teurem Öl gesalbt hat und dafür Anfeindung, Vorwürfe und Zorn entgegennehmen musste.
Welch eine Liebe, welch eine Nähe in dieser schweren Zeit.
Maria Magdalena hat verstanden, worum es geht:
Die einfühlenden Gesten, die Nähe und Zuwendung enthalten letztlich Tröstung. Sie lindern Angst und Einsamkeit und geben Kraft, alles durchzustehen.

So erscheint mir der heutige Sonntag gerade in diesen Zeiten als besondere Mahnung, das Wertvollste des Glaubens und des Lebens, - den Reichtum unseres Gottvertrauens, und seiner Liebe -  nicht für uns zu behalten, sondern die Gefäße, in denen wir dies alles schützend und bergend verwahren, zu öffnen, zu zerbrechen und auszugießen.


Bei Jesaja heißt es öfter: „Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.“
Oder: „Seht her, Gott, der Herr, wird mir helfen.“

Sondersendungen im Fernsehen, wirtschaftliche „Horrormeldungen“, Angst schürende Propheten, dunkle Visionen.
Alles das kann müde machen. Muss es aber nicht.
Vielleicht müssen wir lernen, mehr auf Gottes Wort zu hören, um neue Zuversicht zu tanken.
Dafür plädiert der Prophet und dafür steht die Liebe einer Frau wie die Maria Magdalenas.

Seine Verheißung macht uns stark, auch wenn wir schwach sind. Gott hat uns sein Wort gegeben. Er ist auf unserer Seite und hilft uns. Viele können davon ein überraschendes Lied singen.

In den letzten Tagen las ich einen Brief von Albert Einstein an seine Tochter Lieserl über die Liebe.
Daraus möchte ich Ihnen folgendes vorlesen:
„Liebe ist die stärkste Kraft von allen, denn sie ist es, die verhindert, dass die Menschheit in ihrer blinden Selbstsucht zugrunde geht.


Für die Liebe leben und sterben wir.


Liebe ist unser Gott und Gott ist unsere Liebe.


Wenn wir wollen, dass die Menschheit weiter überlebt, wenn wir einen Sinn im Leben finden wollen, wenn wir die Welt und alles, was in ihr lebt retten wollen, dann ist Liebe die einzige richtige Antwort!


Wenn wir lernen, diese universelle Energie, in Form der Liebe, zu geben und auch anzunehmen, meine liebe Lieserl, werden wir feststellen, dass die Liebe alles überwinden kann, denn die Liebe ist die wahre Essenz des Lebens.“


Davon spricht der Prophet, so handelt Maria Magdalena.


Garantien für einen guten Ausgang gibt es nicht. 


Nicht alles wird gut ausgehen. Nicht alles wird  gelingen.
Nicht alles werden wir richtig machen.

Aber wenn Gott zu uns hält, 
wenn er uns am Ende annimmt, 
dann ist alles gut.

Amen

Predigt zum Sonntag Judika 29.3.2020 in Ashausen

Prädikant Michael Brecklinghaus

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Amen.

Liebe Gemeinde!
Der Predigttext steht im Hebräerbrief, der Paulus zugeschrieben wird – aus der Zeit zwischen 60 und 70 n. Chr. - und an judenchristliche Gemeindemitglieder außerhalb von Italien gerichtet war. 
Dort heißt es im 13. Kapitel, in den Versen 12-14:

  • 12 Darum hat auch Jesus außerhalb des Stadttores gelitten.                                                                     Denn durch sein eigenes Blut wollte er das Volk heilig machen.
  • 13 Lasst uns daher zu ihm hinausgehen vor das Lager.                                                                               Wir wollen die Schande auf uns nehmen, die er zu tragen hatte.
  • 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,                                                                                             sondern die zukünftige suchen wir.

Ursprünglich hatte ich diesen Text etwas anders ausgelegt - noch vor „Corona“.

Dann kamen mir beim Lesen dieses Textes Worte aus einem Gedicht von Hermann Hesse in den Sinn :

Ich zitiere aus dem Gedicht „Stufen“:
„Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.“

Wir spüren in diesem Gedicht die Bereitschaft zu Abschied und Neubeginn. So, wie es auch im
Paulustext um die Suche und den Neubeginn geht:

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.


Der Vers aus dem Hebräerbrief steht im letzten Kapitel.
Am Ende hat der Verfasser alles nebeneinander gestellt, was ihm jetzt noch wichtig erscheint.

So, wie man das manchmal am Ende eines Briefes tut: „Bitte denkt daran.“

So heißt es:

„Ich habe euch das alles geschrieben, liebe Geschwister, um euch zu ermutigen, und habe mich so kurz wie
möglich gefasst.

Nun bitte ich euch eindringlich darum, diese Botschaft nicht abzuweisen.“


Wenn man das Ende dieses Briefes durchliest, fällt noch ein anderer Satz ins Auge. Dieser Satz heißt:
Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
Im Wandel der Zeiten drückt dieser Vers absolute Beständigkeit und Verlässlichkeit aus:

Was auch immer geschieht, was auch immer gestern war, was heute ist und morgen auf dich zukommt
– du kannst darauf vertrauen, dass Jesus Christus bei dir ist.


Mit diesem Versprechen im Ohr hören wir unseren Predigttext:

Wir wissen, dass nichts bleibt, wie es ist.
Aber wir haben auch das Versprechen der beständigen Gegenwart Gottes.

Dies scheint mir gerade in dieser vom Corona - Virus dominierten Zeit ein wichtiger Hinweis.

Zwischen diesen beiden Polen - Nichts bleibt, wie es ist und dem Versprechen auf die beständige
Gegenwart Gottes - bewegt sich unser Leben.

Damals und heute gilt:
Als Christen sind wir unterwegs in Raum und Zeit.
Wir stehen immer wieder vor neuen Herausforderungen.
Diese neuen Herausforderungen spüren wir jetzt ganz besonders.
Sie betreffen unsere gesamte Gesellschaft, greifen aber auch direkt in eine Kirchengemeinde ein.
Durch das abendliche Läuten und Singen versuchen wir solidarisch verbunden zu bleiben.

Menschen helfen einander, knüpfen neu oder auch intensivere Kontakte, nehmen Rücksicht.

Wir müssen alte Gewohnheiten aufgeben, neue Wege beschreiten, aufbrechen in eine andere, noch
ungewisse Zukunft.
So verlassen wir festgefügte Traditionen und brechen dorthin auf, wo wir von den Menschen gefordert
sind und wohin unser Glaube uns führt.

Dabei können wir darauf vertrauen, dass Christus bereits da ist - draußen vor dem Tor.


In vielem haben wir uns wohnlich eingerichtet und: „Es soll auch, bitteschön, so bleiben!“

Mehr als sonst verspüren wir die Spannung zwischen Aufbruch und Unterwegssein.


Sie kennen vielleicht folgendes Zitat, das jungen Eltern gerne mit auf den Weg gegeben wird.

„Zwei Dinge sollen Eltern ihren Kindern mitgeben:
Das eine sind Wurzeln, das andere Flügel.“

Die Wurzeln: das ist im christlichen Sinne der Glaube, den wir kennen, in dem wir aufgewachsen sind, der uns vertraut ist.
Was gibt uns Beständigkeit in einer Zeit, in der so vieles im Fluss ist?

Wir sollten all den Segen, den Gott uns zuteil werden lässt, der sich oft in ganz „weltlichen“
Dingen zeigt und uns durch Menschen zukommt, nicht gering schätzen.

All das gibt uns Boden unter den Füßen, Wurzeln, die uns halten, und Zuversicht für das, was kommt.

Doch neben den Wurzeln brauchen wir auch Flügel
Mut, das Neue zu sehen und anzugehen. Die Bereitschaft, Erfahrungen unseres Glaubens zu teilen.
Sich im Gespräch mit Menschen auf deren neue und ungewöhnliche Situation einzulassen. 
Mut, als Gemeinde Neues auszuprobieren, neue Wege zu den Menschen zu suchen. 
Offen zu sein auch für ungewöhnliche Vorschläge und Maßnahmen. 
Ist das vielleicht auch das Unterwegssein zu der zukünftigen Stadt, wo auch immer und wie auch immer sie sein wird und wie sie aussehen mag? 

Und solange wir unterwegs sind, können wir vertrauen, dass Gott auf diesem Weg bei uns ist und uns mit seinem Segen begleitet. 

Gebe Gott, dass wir in seinem Segen und seiner Gnade verwurzelt sind und bleiben. Daraus können uns Flügel wachsen. 

Denn Gott will nicht fesseln – um es noch einmal mit den Worten Hermann Hesses zu sagen – 
Gott will nicht „fesseln uns und engen, 
er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.“ 

Seien Sie behütet!

Amen. 

Predigt vom 15.3.2020, das ist der Sonntag „Okuli“

St. Andreas, Ashausen
Von P. Dr. Christian Bendrath


Der Predigttext steht im Evangelium des Lukas im neunten Kapitel.

57) Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: „Ich will dir folgen, wohin du gehst.“
58) Und Jesus sprach zu ihm: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“
59) Und er sprach zu einem andern: „Folge mir nach!“ Der sprach aber: „Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.“ 60) Aber Jesus sprach zu ihm: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“
61) Und ein andrer sprach: „Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.“ 62) Jesus aber sprach zu ihm: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“


Pastor (Predigt über Lk 9, 57 – 62):
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem HERRN Jesus Christus! Amen!


Liebe Gemeinde!


„Okuli“ heißt dieser Sonntag, der dritte in der Passionszeit, der vorösterlichen Fastenzeit. Gottes Blick auf uns steht im Mittelpunkt. Die Frage nach unserer menschlichen Blickrichtung steht automatisch mit im Raum: Wo schaust Du hin, Mensch, wenn Gott auf dich schaut?
Nach unten? Wie ein Kind, das etwas ausgefressen hat oder ein Schüler, den die Lehrerin beim Schummeln erwischt hat? Wie eine Angeklagte vor Gericht? Vor dem strengen Anblick des Richters? Wie ein Verkehrssünder vor der Polizistin, die ihn gestoppt hat, nachdem er oder sie bei Rot über die Ampel gefahren ist?
Vor zwei Wochen haben wir von Adam und Eva im Paradiesgärtlein gehört, dass sie sich vor dem Anblick Gottes versteckt hatten, weil sie auf einmal erkannt hatten, dass sie nackt und unbekleidet waren. Mit dem Ansehen Gottes auf uns Menschen und über unser Menschenleben ist das so eine Sache. Sigmund Freud analysierte gleich das Schuldgefühl, das sich hinter dem gesenkten Blick gegenüber dem Schöpfer der Welt und Herrn der Geschichte verbirgt. Tilman Moser sprach gar von der „Gottesvergiftung“. Der religiöse Mensch fühlt sich im Kontext der jüdisch-christlichen Tradition unweigerlich von seinem Gott erwischt. Beschämt laufen er oder sie durchs Leben, weil sie permanent glauben etwas ausgefressen zu haben, nur wenn sie einmal ihren Teil vom Kuchen für sich beansprucht haben. Wie soll man unter so einem gestrengen Blick Gottes leben können?Über lange Jahre einer einzig auf Disziplinierung bedachten Erziehung von Juden und Christenmenschen ist das Ansehen Gottes auf uns Menschen und über unser Leben als ein unangenehmer, weil prüfender oder gar abschätziger Blick empfunden worden. Auch wenn die jüdische sowie christliche Tradition an diesen Anblick Gottes kaum oder nur sehr wenig gedacht hat.Der Gott der Juden und der Christen schaut nicht wie die Gorgonen, z. B. wie Medusa, durch deren Anblick die Menschen vor Schreck erstarren. Schon im Alten Testament ist das Ansehen Gottes auf uns Menschen ganz im Gegenteil die Voraussetzung für ein segensreiches Leben. Laut der biblischen Überlieferung wird es erst dann furchtbar in der Welt diesseits des Himmels, wenn Gott seinen Blick von uns abwendet und nicht mehr gnädig, liebevoll und wohlgefällig auf uns, unsere Menschenwelt und unser Menschenleben schaut. So erklärt sich nämlich der Schlusssegen jedes Gottesdienstes, der der aaronitische Priestersegen ist und über den Synagogengottesdienst in die christliche Liturgie hineingekommen ist:
 „Der HERR segne dich und behüte dich./ Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig./
Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“
Was da angesprochen ist, ist das wohltuende Lächeln, das das Angesicht von Eltern zum Strahlen bringt, wenn sie auf das Leben ihrer Kinder schauen, ganz egal ob sie klein sind und gerade das Laufen lernen oder groß sind und fern der Heimat, meinetwegen in den USA, studieren. Gott bleibt der von ihm erschaffenen Menschheit liebevoll und wohlwollend verbunden. Sein Blick ist so, dass er den umfassenden Frieden ermöglicht, den das Alte Testament so schön „Schalom“ nennt. Wer diesen väterlich-mütterlichen Blick Gottes auf sich ruhen spürt, der oder die kommt zur Ruhe, der oder die fühlt sich von jetzt auf nachher geborgen und gut behütet vor der Hektik der Welt und vor all den Sorgen, die ein Leben in der Welt diesseits des Himmels so mit sich bringt.
Wer nun aufgerichtet in die Welt hinein schaut, ist nicht mehr vom Anblick eines gestrengen Richters beschämt, sondern stattdessen ganz entspannt im Hier und Jetzt, weil er oder sie zur Ruhe kommen können und sich nicht mehr rechtfertigen müssen. Unwillkürlich kommt der Kopf hoch. Mann und Frau sind sogar geneigt den liebevollen Anblick dankbar zu erwidern und gen Himmel aufzublicken. Der Gott der Bibel, sowohl der Gott des Alten Testaments als auch der Vater Jesu Christi, beide sind ein Gott, der sich dazu herbeilässt, seinen Menschenkindern auf Augenhöhe zu begegnen. Unter dem liebevollen Anblick Gottes gedeiht ein Menschenleben zu segensreicher Fülle, zu einem gottwohlgefälligen Wohlstand.
Getrübt wird der freie Blickwechsel zwischen Gott und Mensch nur dort, wo der kleine Gott dieser Welt sich von Gottes Ansehen abwendet, um sein eigenes Ding zu machen, wie z. B. Reichtümer zusammen zu raffen oder machtbewusst seinen Mitmenschen die freie Aussicht auf diesen liebevollen Gott zu verstellen, um selber gottgleich über Menschen herrschen zu können – etwa dadurch, dass er oder sie seine Mitmenschen ängstigen und in Panik versetzen will – z. B. mit Weltuntergangsprophetien. Wohin blicktest Du, Mensch? – Das ist die Frage, die Jesus in unserem Evangelium stellt: Wenn Du nicht beschämt nach unten schaust und auch nicht himmelwärts entspannt den Anblick deines Gottes erwiderst, wohin schaust du dann? Wohin schaust Du, Mensch, wenn Du Dein Leben diesseits des Himmels lebst? Die darin enthaltene Forderung Jesu steht klar im Raum: Du sollst nach vorne sehen! Fest das Reich Gottes in den Blick nehmen! Nicht irgendwelche menschlich-allzumenschlichen Weltbeglückungsprogramme, sondern die Zehn Gebote und das Leben Jesu als Vorbild, Ordnung und Hingabe, Rechtschaffenheit, Wahrhaftigkeit und Liebe sind hier und jetzt gefragt! Jesus ermahnt alle, die ihm nachfolgen wollen, nicht zurückzusehen auf das eigene Leben, auf vertane Möglichkeiten und unerfüllt gebliebene Wünsche. Es geht nicht um unsere eigene Bewertung unseres bisherigen Lebens, wie glücklich oder unglücklich es gewesen ist, wenn wir als Christenmenschen dazu aufgerufen sind, unser Leben wirklich und wahrhaftig auf Gott und sein Reich, auf die ewige Gottesgemeinschaft, auszurichten: Du sollst nicht zurücksehen, wenn Gott dich mitnehmen will in seine bessere Zukunft! Kein Blick zurück!
Etwas verunsichert und auch etwas widerwillig dieser Forderung gegenüber werden bei mir da spontan Erinnerungen an Kindergottesdienst und Konfirmandenunterricht wach, an meine rudimentäre Bibelkunde aus der Kinder- und Jugendzeit. Da gab es doch lauter Rückblicke von Menschen, die dazu aufgerufen waren, nach vorne zu schauen:

  • Das Volk Israel, das Moses aus Ägypten hinausgeführt hatte, blickte auf der langen Wüstenwanderung zurück auf die sprichwörtlichen Fleischtöpfe Ägyptens. Es war drauf und dran in die Sklaverei zurückzukehren, um dort dann zwar unfrei, aber satt und rundum wohl versorgt zu sein.
  • Frau Lot konnte entweder aus Neugier auf das göttliche Strafhandeln oder vielleicht aus Trauer über ihren verlorenen Hausstand in Sodom es bekanntlich nicht übers Herz bringen, nicht zurückzuschauen auf die Feuersbrunst, mit der ihre Stadt Sodom und die Nachbarstadt Gomorra in einem göttlichen Strafgericht vernichtet wurden. Die Folge: Sie erstarrt schreckensbleich über das Strafgericht zur Salzsäule! Sie erstarrt, sie kommt nicht weiter, denn sie kommt nicht drüber hinweg, hängt einzig und allein an dem Verlorenen und sieht nicht, was sie gewonnen hätte: Neues Leben und Aufbruch in gottvolle Gemeinschaft statt Verderben und Untergang in gottloser Gesellschaft.

Viele von Ihnen wissen um die Versuchung zurückzusehen; zurückzusehen auf die verlorene Heimat, auf die verlorenen Angehörigen, auf all die Verluste z. B. im verlorenen Zweiten Weltkrieg, aber auch auf all die persönlichen Verluste im daran sich anschließenden langen Frieden, auf verlorene Ehepartner, auf die verlorene eigene Gesundheit, auf die verlorene Lebenskraft und Leichtigkeit des Seins, auf verlorene Hoffnungen, die wenn nicht gleich der Verzweiflung so doch einer unbefriedigenden Ernüchterung gewichen sind.
Ein Blick zurück ist traurig und schön“, hieß es einmal in einem Schlager. Oh ja, dem werden wir alle wahrscheinlich gerne beipflichten, denn so ein Bisschen wehmütige Melancholie ist eine durchaus angenehme Grundstimmung; ABER man sollte das Leben in der Gegenwart, in die wir mit Gottes Hilfe gestellt sind, darüber nicht vergessen. Wer beginnt, nur noch in der Vergangenheit zu leben, der verliert das Leben, obwohl es noch da ist und hier und jetzt ernst genommen werden will, als täglich neue Herausforderung angenommen werden will.
Wer zu sehr an der Vergangenheit hängt, der fällt dadurch irgendwann aus der Gegenwart heraus. Wir Menschen halten gerne an der Vergangenheit fest, blicken gerne zurück, denn wir befürchten, dass uns die Zukunft die Gegenwart unseres Menschenlebens diesseits des Himmels raubt, dass die Zukunft die Gegenwart entwertet. Und wir alle, Mann und Frau, haben doch so viel darin investiert, diese Gegenwart, diese uns dann doch so lieb gewordene Stufe unseres Lebensglücks, endlich zu erreichen! Und nun sollen wir sie verlassen, nur weil Jesus uns in die Nachfolge ruft?
Liebe Gemeinde, in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts da galt es als schick aus der Gegenwart in die Zukunft zu fliehen. Da war man fast geneigt, es für den Fortschritt in eine bessere Zukunft ganz mit Jesus hier in unserem Evangeliumstext zu halten und zu sagen: „Lass doch die Toten ihre Toten begraben!“ Gräberkult und Trauer sind von gestern – eine neue Generation schreitet nüchtern und frei in eine Zukunft hinein, in der neue Sozialexperimente gemacht werden, neue Gesellschaftsformen gesucht werden, neue Vermögensverteilungen und Lebensformen ausprobiert werden. Und alles ohne Rücksicht auf die Alten und ihre Sentimentalität!
Inzwischen hat diese Zukunftsbegeisterung nachgelassen, denn man hat gesehen, dass die Führer, die die Menschen in eine neue Zukunft bringen wollten, den Idealismus derer, die ihnen gefolgt sind, missbraucht haben, nur um die Reichtümer und Machtpositionen der alten Eliten in ihren eigenen Besitz zu bringen, ohne die breite Masse daran irgendwie ernsthaft zu beteiligen. Die wurde mit irgendetwas abgespeist und ruhiggestellt, um nach der Revolution keinen Ärger mehr zu machen und den Schmerz über die verlorene Gegenwart nicht mehr zu spüren.
Jesus meint diese zynische Art von Aufbruch in die Zukunft nicht. Bei ihm soll niemand für den Machtgewinn einer elitären Avantgarde um die Gegenwart betrogen werden, wenn ihm oder ihr gesagt wird, sie sollten die Vergangenheit vergangen sein lassen und in die Zukunft aufbrechen. Es geht Jesus nur darum, dass die Vergangenheit nicht mehr der Maßstab aller Dinge ist. Wäre sie das, würde – wie bereits gesagt – die Gegenwart ebenfalls verlorengehen - gerade so, wie wenn man sie vorschnell und unüberlegt gegen eine halbgare Utopie austauscht.
Und so kommen wir ein weiteres Mal auf die Leitfrage heute Morgen zurück: Wohin guckst Du, Mensch, der Du Christenmensch sein und Jesus nachfolgen willst?
Die Antwort „Nach vorne!“ ist zu platt, zu kurz gesprungen. Okuli und das Evangelium von des Menschen Blickrichtung haben beide eine andere Pointe, genauer einen anderen Fluchtpunkt, auf den unser Blick sich ausrichten soll. Jesus selbst streicht diese Pointe heraus, wenn er auf die Binsenweisheit aufmerksam macht, dass eine gerade Pflugbahn in den Acker nur ziehen kann, wer nicht zu lange zurückschaut und dadurch die Pferde bzw. den Traktor nicht entsprechend gerade lenkt.Nicht zu lange zurück und nicht ausschließlich nach vorn – das ist nämlich die Pointe beim Anvisieren von Fluchtpunkten draußen auf dem Feld. Wer gar nicht zurückschaut, der wird auch keine gerade Pflugbahn ziehen, der oder die verfehlen dann nämlich den Fluchtpunkt der Linie nach vorne! Soweit das Bild, das der Wanderprediger Jesus ganz bewusst mitten aus dem Landleben wählt. Trotzdem lässt er unausgesprochen, worauf der Mensch schauen soll, wenn er oder sie das Reich Gottes oder Gottes Zukunft für die Welt diesseits des Himmels anvisieren.
Das Leben soll gelingen, soll als christenmenschliches Leben gelingen. Dafür ist es wichtig, das Leben Jesu im Blick zu halten, seine Ganzhingabe und Liebe, aber auch seine Demut und Geduld. Die Zukunft, zu der Gott uns durch Jesus Christus beruft, wird nicht übers Knie gebrochen. Sie kommt nicht wie eine Katastrophe über uns und reißt uns aus der Gegenwart auch nicht heraus und schneidet uns schon gar nicht ganz von unserer Vergangenheit ab.
Die Zukunft Gottes wahrt den Zusammenhang, will aber, dass wir die Gegenwart neu erleben, weil wir uns nicht mehr ausschließlich an die Vergangenheit binden, als ob diese alternativlos und auf ewig vorgegeben wäre. Dann fangen nämlich wirklich irgendwann Tote an, Tote zu beerdigen, weil das Leben zur Salzsäule erstarrt wie weiland Lots Weib beim Anblick Sodoms und Gomorrhas unter dem Feuersturm.
Auf diese Weise soll das Leben nicht erstarren! Es soll auch nicht über Bord geworfen werden in falscher Zukunftseuphorie. Gott und Jesus sollen in den Blick genommen werden. Und das ist ein Augenkontakt, der uns (wie eingangs gesagt) zur Ruhe kommen lässt, wenn wir uns darauf einlassen, Gottes Anblick auf uns und unser Menschenleben in all unserer Fehlbarkeit zuzulassen, ihm auf Augenhöhe begegnen, indem wir von uns selbst absehen. Mit diesem inneren Frieden steht der Aufbruch ins Reich Gottes unter seinem Segen. Und nun kann verändert werden, was verändert werden muss, damit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Menschenwelt nicht auseinanderfallen, sondern einen lebendigen Entwicklungszusammenhang bilden.

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus von nun an bis in Ewigkeit. Amen!